Produktion in Zeiten von Corona: Alive & Kickin‘?

Die positive Nachricht vorneweg – die Animation erfreut sich guter Produktionsgesundheit, kaum Meldungen von Produktionsstopps, -verschiebungen und –absagen. Anders als ihre filmischen Geschwister Live Action, Dokumentation, Daily Soap und Serie, die momentan schwer angeschlagen darniederliegen. Etwas neidvoll wird auf die Kollegen geschaut, die weiter produzieren können. Zwar sitzen diese in Zeiten von sozialer Distanz nicht mehr gemeinsam in einem Büro oder Studio, können aber ausgelagert im Homeoffice durch Pipeline Zugriff an ihren Computern weiterarbeiten. Dank Zoom, Skype, Team etc. können Besprechungen und Meetings online stattfinden. Was hat sich also geändert, außer, dass man nicht einmal schnell, auf dem kleinen Dienstweg, mit den Kollegen Fragen und Probleme lösen kann? „Die Abläufe dauern länger“, berichten die Produzenten. Online-Meetings werden zudem als anstrengend empfunden, die Aufmerksamkeitsspanne vor dem Bildschirm scheint kleiner als bei Meetings face-à-face. Es ist ein Lernprozess, mit dieser neuen Form von Meetingkultur umzugehen. Digital ist erstaunlich viel möglich, aber wir erkennen auch, warum das Persönliche, Menschliche in unserer Kreativbranche so wichtig ist. Die Filmbranche ist ein People‘s Business.

Weniger gute Nachrichten folgen. Natürlich hat auch die Animationsproduktion mit Erschwernissen zu kämpfen. „Es wird gerade schwieriger, die Finanzierungen zu schließen“, hört man aus der Branche. Geld wird knapper, Entscheidungsprozesse entschleunigt. Wichtige Finanzierungspartner, wie z.B. die Kinoverleiher wissen nicht, wann ihr nächster Filmstart sein wird, Kampagnen liegen auf Eis. Kein guter Zeitpunkt, um in neue Projekte zu investieren. Ähnliche Zurückhaltung bei einigen Sendern, die aktuell Rekordquoten verzeichnen, aber mit wegbrechenden Werbeeinnahmen kämpfen. Die Film-Förderanstalten arbeiten weiter, aber die Gelder werden in und nach der Krise als Rettungsschirm der Filmbranche gegebenenfalls anders verteilt werden müssen. Dabei wurde die Animationsförderung bislang in Deutschland eh stiefmütterlich behandelt. Proportional fließen weniger Fördergelder in die Entwicklung und Produktion von animierten Filmen, obwohl gerade diese der Exportschlager aus Deutschland sind. Fraglich, ob nach der Krise hier mehr Geld zur Verfügung stehen wird. Auch war die Filmindustrie schon vor Covid-19 Teil eines globalen, digitalen Paradigmenwechsels und in einer beginnenden Konsolidierungsphase. Das Virus fungiert nun als zusätzlicher Brandbeschleuniger. Wie werden unsere Absatzmärkte nach überstandener Krise aussehen? Verändert sich die Rezeption von Film? Kehren die Zuschauer zurück ins Kino, bleibt der vermehrte, rekordverdächtige Filmkonsum auf den Streaming-Plattformen bestehen? Das auf den ersten Blick scheinbare „Wohlauf sein“ der Animationsbranche spricht sich herum, so dass die WGA – Writers Guild of America ihren Mitgliedern aktuell geraten hat, nun auf das Fach Animation umzusatteln, da die Kollegen von der Krise nicht so stark betroffen seien. Abgesehen von mangelnder Kollegialität und modernem Raubrittertum zeugt diese Aufforderung auch von einem hohen Maß an Unwissenheit. Die Hybris zu glauben, jeder Drehbuchautor könne per se gute Animations-Geschichten schreiben, ist erschreckend anmaßend. Es wird fieberhaft-panisch dorthin geschaut, wo offensichtlich kein Lockdown herrscht. Man fragt sich, wie lange die WGA von einem Produktionsstillstand ausgeht, wenn sie ihren Mitgliedern diese seltsamen Ratschläge gibt. „Nehmen Sie Animationsdrehbücher und nicht Chlorbleiche gegen Corona und in ein paar Jahren sind Sie geheilt“?

Der richtige Ansatz wäre, gemeinsam die Krise zu bewältigen und alte Antagonismen beizulegen. Vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, neue Geschäftsfelder und engere Kooperationsmöglichkeiten zwischen Live Action und Animation auszuloten. Denn letztlich eint uns alle die Liebe zu guten Geschichten und zum Medium Film.

Bild: Meeting im Studio vor Corona
© Eagle Eye Studio

Autorin

Silke Wilfinger ist seit über 20 Jahren im Filmgeschäft tätig. 2016 gründete sie ihr eigenes Unternehmen SilkWayFilms mit Sitz in München. SilkWayFilms berät nationale und internationale Unternehmen in den Schwerpunkten Akquisition und Sales (Animation & Live Action), Entwicklung und Finanzierung.

Bilder wie diese auf Märkten werden in 2020 Seltenheitswert haben. © Animation Production Days, Reiner Pfisterer, 2019