Oper & Animation – Eine Liebeserklärung

Oper und Animation – eine royale Hochzeit der Bastarde, Schnittstelle von hoher Stilisierung und emotionaler Wahrhaftigkeit. Beide Kunstformen werfen einen vieläugigen Blick auf die innere Wirklichkeit, bedienen sich lustvoll bei den verschiedenen Kunstgattungen, schichten aus Raum, Form, Klang, Bewegung und Zeit eine Multiperspektive, die das Wesen des Unaussprechlichen freilegt.

Kim Thompson spitzt in ihrer Monty-Python-haften Verknappung „All the Great Operas (in 10 Minutes)“ lakonisch-statistisch zu: 11 Opernhandlungen erzählt in 10 Minuten sind Ehebruch, Inzest, Selbstmord – alles in allem 38 Tote. Sie offenbart durch gekonnte Auslassung, was Oper und Animation in ihrem Wesen ausmacht: die ausschweifende, aufwühlende Ausschmückung, wenn die Handlung pausiert, wenn die Erzählkette von Ursache zu Wirkung einen Bogen schlägt und einen zeitlichen Umweg geht. Schlichtweg es bedarf der Arie.

Der künstlichen Animationsfigur fehlt zwar von Natur aus eine eigene Singstimme, dennoch sind Oper und Animation gleichermaßen arienhaft. In dem Ausstieg aus der Echtzeit der Handlung werden Gesetze der objektiven Wirklichkeit überworfen. Es existiert weder ein Naturgesetz für Emotion noch für das Arrangement von Musiknoten oder die Abfolge von Filmkader. Alles offen für Metamorphose und Manipulation. So vermittelt sich der Sprachinhalt durch Sprachverformung, durch lautliche und körperliche Gebärden und Entgrenzungen. In Martin Arnolds „Alone: Life Wastes Andy Hardy“ dehnt sich einzelbildweise Judy Garlands Gesangssprache hin zu einer Ursprache des Gefühls und des Unterbewusstseins, begleitet von körperlichem Stottern und Schlingern. Piotr Sapegin führt in „Aria“ diese Körpersprache bis zur physischen Selbstauflösung seiner Puppenfigur Madame Butterfly weiter. Seine tragische Heldin reißt sich hochdramatisch durch Stoff, Watte, Draht bis auf ihr Figurenskelett auf. Zu sehen ist die Seele nicht als Ding, sondern im Vollzug der Geste zu Giacomo Puccinis Musik. Manipulation der Zeit und der Körperlichkeit – zwei Königsdisziplinen. In der Oper. In der Animation.

Die Animation ist es gewohnt, Welten komplett aus dem Nichts zu erschaffen, gezeichnet, digital oder als Miniaturset. So erweitert sie auch die Opernbühne im Animationsfilm und im Opernsaal. Der so entstandene Raum kann sich sekundenschnell wandeln. Er wirkt auf Figuren ein, reagiert auf diese, wird zum Außen ihres Inneren oder wird selbst zum Akteur. Zuweilen frisst sich die soziale und politische Wirklichkeit durch den Kokon der Künstlichkeit und nutzt ihn so zur Artikulation unaussprechlicher Brutalität, wie z.B. bei Lewis Klahr. Zu Erich Wolfgangs Korngolds „Mariettas Lied“ kontrastiert er mit reduzierter Animation fotografische Hintergründe und Flachfiguren zu einem erschütternden Stück über die Flucht jüdischer Komponisten vor dem Holocaust.

Die heutigen technischen Möglichkeiten des Video-Mapping erlauben hingegen ein punktgenaues Zusammenspiel auf der realen Opernbühne. Das menschliche Ensemble interagiert mit künstlichen Figuren, die Bühne wird virtuell überzeichnet zur Projektionsfläche für bewegte graphische Visualisierungen von Klang und Emotion. Die Animation schlüpft hier fließend in die Rollen von Effekt, Architektur, Design, Kostüm und Figur. Suzanne Andrade und Paul Barritt aka 1927 übertragen bspw. kreativ den künstlerischen Eklektizismus der Zwanziger Jahre auf „Die Zauberflöte“.

Keiichiro Shibuyas „The End – The Vocaloid Opera” formuliert vom Titel und seiner Entstehung her schon fast einen prophetischen Anspruch: Nach fast genau 400 Jahren Operngeschichte und dem zementierten Einverständnis zwischen Bühne und Publikum, die Künstlichkeit als Schlüssel zu einer anderen Wirklichkeit zu nutzen, entledigt sich diese vollständig computergenerierte Oper von 2012 durch Animation scheinbar alles Menschlichen. Die Hauptfigur, die ‚Vocaloide‘ Miku Hatsune, ist nur ein digitaler Code. Weder berührbar wie eine Puppenfigur oder Zeichnung noch Stellvertreterkörper einer tatsächlich existierenden menschlichen Stimme. Emotion in Reinform und ohne Erdanziehung – die totale Verschmelzung von Oper und Animation. Am Ende aber menschengemacht.

Seit 2016 schlagen das ITFS und die Oper Stuttgart gemeinsam Brücken zwischen Oper und Animation. Diese erfolgreiche Kooperation kommt nicht von ungefähr, denn Animation nimmt einen wachsenden Stellenwert für das Opernhaus ein.

2015 kreierte Anna Matysik einen Kurzfilm zur Internationalität des Stuttgarter Opernensembles mit dem Titel „Das fliegende Opernhaus“. Sie verwendete hierfür das Terzett „Soave sia il vento“ aus Mozarts Oper „Cosi fan tutte“. 2017 wirkte die Oper Stuttgart an der Produktion des Kurzfilms „Die Arie der Fruchtfliege“ mit. Inspiration zog das Filmteam aus einer Choreografie in der Oper „Orpheus in der Unterwelt“. Daniel Kluge lieh der Fruchtfliege seinen temporalen Schmelz. Für die Premiere der Neuproduktion zu „Don Pasquale“ am 25.3.2018 schuf die Oper Stuttgart mit dem Ludwigsburger Studio Seufz einen sechsminütigen Animationsfilm, der zur Ouvertüre das bisherige Leben der Hauptfigur zeigt und Teil der Aufführung ist. Die Kostümbildnerin Teresa Vergho arbeitete bei diesem Projekt eng mit dem Studio Seufz zusammen, wobei die Animation ästhetisch Kunstströmungen der 1970er Jahre zitiert. Die weitere Zusammenarbeit fand ebenfalls mit Ludwigsburger Studierenden und Absolventen statt.

Gemeinsame Workshops – 2017 mit dem britischen Animations- und Bühnenkünstler Paul Barritt, 2018 mit einem weiteren Animationskünstler – sowie die Live-Übertragung der Oper „Rigoletto“ auf dem Schlossplatz als Extra zu einem kuratierten Festivalschwerpunkt beim ITFS sind beste Beispiele für den fruchtbaren Umgang miteinander, um Publikum wie auch Künstler für die Verbindung zweier Kunstformen zu gewinnen. Die Partnerschaft zwischen der Oper Stuttgart und dem ITFS mit dem Themenschwerpunkt Oper & Animation schickt sich damit auch weiterhin an, eine wahre Liebesgeschichte zu sein.

Autoren

André Eckardt (freier Kurator ITFS) & Thomas Koch (Direktor Kommunikation Staatstheater Stuttgart)