Isolation, Unsicherheit und die heilenden Hände der Animation

Animation ist eine oft einsame Kunst: häufig ausgeübt von Solo-Künstler*innen, vielleicht mit Bleistift und Papier, oder auch von zwei puppenspielenden Händen in der Isolation einer Stop-Motion-Trickbühne. Ich staune oft über Lotte Reinigers Einzelleistung, wie sie schon vor über hundert Jahren Silhouetten unglaubliches Leben verlieh. Allein.
Wie wir durch diese befremdliche Zeit treiben, durch die Tage von COVID-19 in einer angeschlagenen Welt, sind wir überfordert. Inmitten der Krise werden wir Zeuge, wie Familien und Freunde wegen Zwangsurlaub und Entlassungen am Boden zerstört sind. Wir haben gesehen, wie die Weltwirtschaft innerhalb weniger Wochen geschrumpft ist, wie kleine Unternehmen kaputtgingen und Träume zerstört wurden. Wir schauen zu, wie die Medien ein apokalyptisches Bild unseres künftigen Alltags malen; und viele von uns werden von den verwirrenden Botschaften einer gespaltenen Regierung bei offiziellen Pressekonferenzen nicht optimistisch gestimmt. Wie wir jetzt dastehen, betrübt und wütend, überall auf der Welt, müssen wir feststellen, dass uns eine anscheinend unvorhergesehene Pandemie ins Taumeln gebracht hat.

Allein. Konfus. Isoliert. Ich wende mich der Welt der Animation zu, ihrer Voraussicht und Intuition. Eine notwendige Therapie. Ich bin traurig, dass wir gerade nicht zusammenkommen können, bei Veranstaltungen, die wir brauchen, wie das ITFS, das Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart. Es wäre der ideale Zeitpunkt gewesen, um sich zu treffen und über unsere Gefühle zu sprechen, und die unerschrockene Kreativität in unserer Branche zu feiern. Doch dieses Jahr können wir uns nicht in der Gloria-Passage versammeln, um zu singen, miteinander anzustoßen, oder um die Plots und Stile animierter Spiel- und Kurzfilme zu preisen, Wir können nicht persönlich erscheinen um uns gemeinsam austauschen und unser nächstes Rendezvous in Annecy oder Zagreb zu planen. Das ist niederschmetternd.

Aber, wie immer in schwierigen Zeiten, gibt es auch Hoffnungsschimmer. Für mich lässt die Aussicht auf Animationen die Hoffnung weiterleben. Glücklicherweise steht der Motor dieser Kunst für viele auch jetzt nicht still. Kreativität entsteht oft aus Finsternis und Ungewissheit. Es ist nicht ironisch gemeint: Aus der Isolation heraus, wo die Animation oft gut gedeiht, liefern viele Künstler*innen unglaubliche, individuelle Inhalte, vor allem im Bereich der 2D und 3D Animation. In dieser unfassbaren Zeit, da in Hollywood fast alle Lichter aus sind, gibt es in der Animationsszene viele Durchbrüche inspirierender Arbeiten, welche die Medien kritisieren und das Durcheinander unseres globalen politischen Systems.

Wie schnell das Stuttgarter Festival und andere Festivals Online-Plattformen und virtuelle Diskussionsgruppen entwickelt haben, hebt meine Stimmung. Ich bin begeistert von den Studierenden der CalArts, allen voran Karikaturistin Ann Telnae, die aus der Verbindung von Journalismus und politischer Beobachtung „Commentary Through Cartoons“ geschaffen haben – wichtig und dringend notwendig in diesen Zeiten der Pandemie.
Weil die Animation so eigenbrötlerisch daherkommt, hat sie aber auch die Fähigkeit, mit der Zeit zu gehen, akribisch zwar, Bild für Bild, dabei aber reflektierend, kommentierend die Kultur, Politik, und den Willen des menschlichen Bewusstseins.

Während jetzt viele Festivals die notwendige und wunderbare Arbeit tun, Filme zu teilen und sie online zu stellen u, so hat das doch seinen Preis. Für das diesjährige Festival in Stuttgart habe ich vier „Best of Animation“ Programme kuratiert, sie handverlesen in der unfassbaren Schatzkammer der Animation des ITFS seit1994. Aber es bedrückt mich, dass wir sie erst 2021 gemeinsam in einem realen Kino sehen können. Die Filmblöcke wurden über einen Monat vor der Zeit zusammengestellt, als wir das Wort „Coronavirus“ weltweit in unser Vokabular aufgenommen haben, doch in meiner Einführung habe ich seinerzeit geschrieben, dass jedes der Kurzfilmprogramme in seiner Gesamtheit folgendes hervorheben soll:

“… Themen der Unvollkommenheit und generellen Verletzlichkeit des Menschen… diese Werke würdigen das Alltagsleben, ob belastet oder glückselig, dazu eine Prise Bürokratie, Liebe, Familie, und Schmerz. Die universelle Mühsal reflektiert die Beziehung der Künstler*innen zu ihren politischen, gesellschaftlichen, und zutiefst persönlichen Erfahrungen.“

Eigentlich lohnt es sich in vielerlei Hinsicht, auf das Programm des Trickfilm-Festivals Stuttgart bis 2021 zu warten. Ich bin gespannt darauf, Gedanken und ungefilterte Analysen dieser unbeschreiblichen Zeit zu teilen. Ich freue mich darauf, von jenen zu hören, die einen besonderen, einzigartigen Blickwinkel haben, und in dieser unvergleichlichen Festivalumgebung zu sein, die das Nachdenken und tiefe Gespräche willkommen heißt.

Wir werden die aktuelle Krise unseres Planeten überstehen. Ich bin dankbar für die kreative Allianz der Animator*innen, die individuell arbeiten, oft in der Isolation, aber stets im vollen Bewusstsein ihrer Rolle als Künstler*innen, Kreative, und letztlich Archivar*innen einer schönen, wenn auch fragmentierten Zeit auf dieser Welt.

Autor

In seinen zwölf Jahren im Brand Management und Marketing von LAIKA hat Mark Shapiro an den internationalen Werbekampagnen für „Coraline“ (2009), „ParaNorman“ (2012), „The Boxtrolls“ (2014), „Kubo and the Two Strings“ (2016) and „Missing Link“ (2019) gearbeitet. Derzeit ist er als Marketing-Berater im Entertainment-Bereich in Oregon (USA) tätig.