Filmfestivals in der Corona-Krise

Seit März steht die Welt Kopf. Großveranstaltungen mussten abgesagt werden. Kinos und Restaurants mussten schließen. Das öffentliche Leben steht still. Die Kunst- und Kreativbranche trifft es hart, und die Folgen der Corona-Pandemie sind noch nicht zu beziffern oder verlässliche Aussagen über den Ausgang und die Konsequenzen zu treffen. Die Filmbranche, speziell die Filmfestivals sind stark betroffen. Wir leben vom öffentlichen Miteinander, von den physischen Treffen im dunklen, geheimnisvollen Raum, wo man gebannt den Geschehnissen auf der Leinwand zuschaut und anschließend in den öffentlichen Diskurs über Filmkunst tritt.

Unsere Aufgabe als Filmfestival ist die Sichtbarmachung von Filmkunst, die bedingungslose Talentförderung, das Finden des größtmöglichen und passenden Publikums. Wir möchten eine Öffentlichkeit für die Filmschaffenden generieren und dazu einladen, in eine neue uns unbekannte Welt einzutauchen. Filmfestivals fördern den öffentlichen Diskurs und tragen wesentlich zu einer lebenswerten Gemeinschaft bei.

Wie aber kann ein Filmfestival seine Aufgabe aufrechterhalten, wenn Großveranstaltungen untersagt und Kinos seit Wochen geschlossen sind?

Im Moment bleibt einem Filmfestival kaum etwas anderes übrig, als ihre Aufgaben online wahrzunehmen und sich Gehör und Aufmerksamkeit in der digitalen Welt zu verschaffen. In kürzester Zeit muss eine gesamte Alternativstruktur geplant und hochgezogen werden, die den Ansprüchen und Wünschen der Geldgeber ebenso wie denen des Publikums gerecht werden muss. Dazu kommt die Perspektive der Filmschaffenden: Wie wirkt sich die Form der Online-Präsentationen aus, wie ist es keine Zuschauer mehr zu treffen, keinen Austausch mit ihnen und der Branche zu haben, kaum Aussicht auf Vertriebsfirmen und weitere Multiplikatoren, dazu die mindere Qualität des Streamings, die Reduktion auf den kleinen Bildschirm?

Filmemacher·innen erschaffen ihre Filmkunst unter solch einem großen Druck und unter teils widrigen Bedingungen – ist es dann wirklich angemessen, die Filme in minderer Qualität zum Teil erstmalig zu zeigen und „nur“ im digitalen Raum vorzuführen?

Nach meinem Dafürhalten ist es nicht möglich, den öffentlichen Raum komplett online in eine digitale Welt zu übertragen. Die Festivalerfahrungen der Filmschaffenden und der Zuschauer·innen leben davon, sich kennen zu lernen, sich gegenseitig wahrzunehmen, miteinander ins Gespräch zu kommen, zu diskutieren, Visionen und Ideen zu teilen, Impulse zu bekommen und durch andere inspiriert zu werden.

Alternative Festivalvarianten können eine Überbrückung sein, ein Impuls zu zeigen, was eigentlich möglich wäre und eine begrenzte Öffentlichkeit für sich selbst und die Filmkunst zu erreichen. Ersetzen werden sie die Festivalwelt im öffentlichen Raum aber nicht. Die neuen Eindrücke, das Eintauchen in mir fremde Welten. Reden über Film und über Aspekte des Gesehenen kann online nicht ersetzt werden durch Chatrooms, Hashtags oder Postings auf Social-Media-Kanälen. Zu vieles fehlt mir: das Raunen der Gäste im Saal, das Jubeln und Klatschen beim Abspann, das Miteinander-Erleben, das durch die Reihe schlängeln, das Schnarchen aus einem benachbarten Kinosessel. Ein erfrischendes Getränk mit mir noch fremden Gästen im Festivalclub. Der immer wiederkehrende Ein- und Auslass an den vielen Sälen. Das Mitfiebern während der Preisverleihung. Ich vermisse die vielfältigen Gespräche und hitzigen Diskussionen. Die zufälligen Begegnungen am Frühstücksbuffet des Hotels oder beim Kaffee-Stand. Der Heimweg – manchmal noch in Gedanken verloren, manchmal müde oder traurig, manchmal aufgedreht und inspiriert.

Das Festivalfeeling ist nicht austauschbar, und ich sehne mich bereits nach einem Ende der Pandemie und der Möglichkeit, gemeinsam die Filmkunst zu fördern und zu erleben. Denn Kino und Filmkunst sind systemrelevant und müssen für alle Altersgruppen möglichst barrierearm und niederschwellig erfahrbar sein. Kuratierte Filmprogramme mit Gästen zum Austausch vor Ort werden wichtiger denn je, denn in Zeiten des Abstandhaltens und der Distanz zueinander wird unser Wunsch nach Gemeinschaft und gemeinsamer Erfahrung immer größer werden. Wir sollten von der jetzigen Zeit lernen und betrachten, welche Alternativen den öffentlichen Diskurs bereichern und gleichzeitig aber nicht müde werden zu betonen, dass dies keine Chance und Möglichkeit ist, Filmfestivals in die digitale Welt zu verlagern, sondern das wir uns in einer Ausnahmesituation befinden, in der jeder zur Improvisation angehalten ist und Alternativen geschaffen werden müssen um nicht gänzlich auf die Erlebnisse und Erfahrungen verzichten zu müssen. Sehen wir es als Möglichkeit der Aufrechterhaltung nicht aber als Ersatz oder Weiterentwicklung.

Autorin

Svenja Böttger
Geschäftsführung & Festivalleitung Filmfestival Max Ophüls Preis